Manuell scharfstellen

Ich hab vorhin mal wieder mein älteres OM Zuiko 1.8 50mm Objektiv an die Kamera montiert und überprüft, ob und wie gut oder schlecht ich manuell scharfstellen kann.

Dieser Vorgang ist an sich keine große Kunst, aber man muß dazu anmerken daß die Sucher der heute so erhältlichen Spiegelreflexkameras dafür eigentlich nicht mehr ausgelegt sind – sie sind klein, und es fehlt der sogenannte “Schnittbildindikator”, den man aus früheren (Film-) Spiegelreflexkameras vielleicht noch kennt. Mit einem solchen Schnittbildindikator war es tatsächlich einfach – man brachte einfach die beiden in der Mitte zerschnittenen Bilder zur Deckung und hatte den anvisierten Bereich scharf. Danach wählte man vielleicht noch einen anderen und besseren Bildausschnitt, wobei man einfach nur darauf achten mußte, daß sich weder Kamera noch Objekt während dieses Vorgangs im Abstand zueinander verändern durften, löste aus und voilá – man hatte ein scharfes Bild.

Heute fehlen diese Schnittbildindikatoren, weil so gut wie jedes Objektiv welches man neu kaufen kann – wenn es denn ein Systemobjektiv ist – über Autofokus verfügt. Man hat zwar bei einigen Profi- (meist Vollformat-) Kameras noch die Möglichkeit die Mattscheibe gegen eine mattere zu tauschen, aber das ist es dann auch schon. Das einzige noch erhältliche Kleinbild (heute Vollformat genannt) Kamerasystem von welchem ich weiß daß es noch konsequent auf manuelles Fokussieren ausgelegt ist ist das von Leica.

Man hat also bei modernen Spiegelreflexkameras aus dem Consumerbereich (sprich: die die man sich auch leisten kann) eigentlich nur zwei Möglichkeiten: entweder man versucht es trotzdem durch den Sucher, oder man benutzt dazu den sogenannten “Life View” mit einer Bildvoranzeige über das rückseitige Kameradisplay – ganz ähnlich wie bei kleinen “Point & Shoot” Kameras oder wie bei Telefonen mit eingebauten Kameras (welche beide entweder einen Autofokus benutzen oder sogar Fixfokus-Objektive haben). In diesem zweiten Modus kann man bei besseren Kameras das Life-Sucherbild zur Vereinfachung vergrößern, oft im Bereich von etwa 3-15fach.

Ich hab also heute zwei Photos in jeweils beiden Modi gemacht, also im ersten Fall manuell durch den Sucher scharfgestellt, im zweiten Fall jeweils über das rückseitige Kameradisplay bei einer zehnfachen Vergrößerung. Beide – beziehungsweise alle vier – Bilder wurden handgehalten. Hier also der Vergleich:

Vogelhaus, über Sucher fokussiert

Vogelhaus, über Display fokussiert

Baum, über Sucher fokussiert

Baum, über Display fokussiert

Was man in beiden Fällen sofort sieht ist daß die Bilder jeweils einen leicht anderen Winkel haben – bei einer zehnfachen Vergrößerung auf dem Kameradisplay ist es zwar einfach das Bild scharfzustellen, man verliert aber im Vergleich zur Sucheranzeige den Überblick über das komplette Bild, weil man ja eben nur einen sehr kleinen Bereich des engültigen Bildes sieht. Dies ist sowieso ein Modus, der eigentlich nur bei statischen Objekten anwendbar ist – wenn man bei einem Portrait versucht auf ein Auge scharfzustellen, muß man dies schon mit dem/der Portraitierten vorher absprechen, weil man bei den kleinsten Bewegungen das Auge aus der zehnfach vergrößerten Anzeige verliert – und gar nicht mehr weiß was man gerade eigentlich sieht. Man bekommt also ziemlich “statische” (man könnte auch boshaft sagen: “steife”) Portraits bei einer solchen Arbeitsweise, fast wie früher, als die Portraitierten wegen der damals geringen Filmempfindlichkeiten lange stillhalten mußten.

Was man auch sieht ist daß es mir in beiden Fällen wohl gelungen ist auch über das Sucherbild manuell scharfzustellen – wobei ich beim Photo des Baums dazu allerdings zwei Anläufe brauchte. Beim ersten Versuch hatte ich nicht das Astloch scharf, sondern die Mauer davor. Falls man also solches betreibt sollte man zur Sicherheit vielleicht mehr als nur eine Aufnahme machen. Außerdem funktioniert dies umso einfacher, je offener die Blende, je länger die Brennweite und je geringer der Motivabstand ist – also mit einem Wort gesagt je geringer die Tiefenschärfe, desto einfacher.

Bei einem weitwinkligeren Objektiv als der hier verwendeten Brennweite von umgerechnet 100mm (bezogen auf Kleinbild/Vollformat) würde man eher die von Leuten wie Henri Cartier-Bresson verwendete Methode der Vorfokussierung auf die sogenannte “Hyperfocal distance” anwenden und abblenden – also würde man zum Beispiel bei 35 Millimetern auf etwa 3m scharfstellen und Blende 8 verwenden, um alles im Bereich von 2m bis unendlich scharf zu bekommen (HCB benutzte 50mm). Dies ist der wahre “Point & Shoot” Modus – einfach Kamera hochnehmen und – click.

Um die also manchmal auftretenden Fragen zu beantworten – ist es schwierig, maunell scharfzustellen? Ja, ist es, aber mit ein wenig Übung und bei längeren Brennweiten geht das. Macht es Spaß? Unendlich viel, ja. Und man ist hinterher vielleicht auch eher stolz auf seine Ergebnisse (wenn dies nicht gerade Bäume und/oder Vogelhäuser sind). Soll ich’s auch versuchen? Das müßt Ihr alleine entscheiden, aber ältere manuelle Objektive kosten nicht viel, also weshalb nicht? Für das hier verwendete OM Zuiko hab ich zum Beispiel 36 Euro bezahlt – und dasselbe noch einmal für den erforderlichen Adapter. Und bei Makro- und/oder Aufnahmen vom Stativ wird in vielen Fällen sowieso manuell scharfgestellt, auch mit Objektiven die eigentlich autofokussieren könnten.

Ich hoffe dies war hilfreich und konnte einige Fragen zum Thema beantworten. Danke fürs Lesen. Und bei Fragen fragen…

This entry was posted in Photographie. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>